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21. September 2007, 20.30 Uhr
TESLA im Podewils'schen Palais, Klosterstrasse 68-70, Berlin-Mitte
m a u l w e r k e r    p e r f o r m i n g    m u s i c
PRO CEDERE
Komposition als Prozess - Kompositionen mit Prozesscharakter

Andrea Neumann: Klingende Körper (2006/2007) UA
Alessandro Bosetti: The Pool and the Soup (2006/2007) UA
Emmett Williams: ABC Singspiel Simultaneity (2005)
Henrik Kairies: Synthesen (2007)
Katarina Rasinski: catact 31,14 (2007) UA
Toshi Ichiyanagi: Sapporo (1962)
Bill Dietz: after the interval (2002/2003) UA

Komposition als Prozess - Kompositionen mit Prozesscharakter
Seit Mitte des 20.Jahrhunderts experimentierten Komponisten damit, nicht alle musikalischen Parameter festzulegen. Indeterminacy oder Unbestimmtheit war das Schlagwort. Dies erfordert vom Ausführenden entweder das Annehmen des Zufalls oder eigene Entscheidungen zu Gestalt und Gestaltung eines Werks. Dies kann innerhalb der Aufführung geschehen oder einer mehr oder weniger komplexen Ausarbeitung vor Aufführung und Probenprozess bedürfen.
„performing music“ meint auch Musik, die als Komposition lediglich als Struktur existiert und deren Performanz eben in den Händen der Interpreten liegt. Hierbei kommen verschiedene Prozesse ins Spiel.

Die Kompositionen dieses Abends untersuchen
- Prozesse der Erarbeitung: Wechselwirkungen zwischen Interpreten und Werk, der Entwicklungsprozess hat Einfluss auf das Endresultat,
- Gruppenprozesse: sich selbst organisierende Musik, sich durch Spielregeln strukturierende Stücke,
- intermediale Prozesse:
- Wechselwirkungen zwischen Elektronik und Performer,
- Wechselwirkungen zwischen Klang und Aktion,
- Wahrnehmungsprozesse: Wechselwirkungen zwischen Visuellem und Akustischem,
oder den Prozess des Konzertes selbst.

Andrea Neumann, die aus der „echtzeitmusik“-Szene stammt und dort mit Gruppenprozessen sich selbst organisierender Musik beschäftigt ist, untersucht in ihrem sehr körperlichen Stück für die Maulwerker das Verhältnis von Individuum und Gruppe. An Körper und Kehlkopf mikrophonierte Performer liegen neben- und übereinander als Knäuel. Durch Reibung der Körper aneinander werden Klänge erzeugt, die gemischt und gefiltert werden. Das Knäuel verändert langsam seine Form, ohne den Eindruck einer Masse zu verlieren. Während die Körperklänge den Charakter der Gruppe und der Gleichheit betonen sollen, bieten die Stimmen dem Individuum Möglichkeiten des Ausdrucks und der Selbstbehauptung innerhalb der Masse. Musikalisch hat dies Soli zur Folge, die eingebettet sind in einen amorphen Grundklang. Die klanglichen Prozesse einer sich selbst organisierenden Gruppe erzeugen komplexe Strukturen.
Alessandro Bosetti verbindet in seinem Stück The Pool and the Soup sein Interesse für die Musikalität von Sprache und seine Vorliebe für ‚game pieces’. Das Material besteht ausschließlich aus frei inspiriertem Sprechen und wird anhand von Spielregeln organisiert. Ein Prompter instruiert die Sprecher durch Handzeichen und organisiert so Formen wie Solo, Duo oder Tutti, oder beeinflusst musikalische Parameter wie Tonhöhe, Tempo, Lautstärke usw. Wie Neumann interessiert auch Bosetti das Verhältnis von Individuum und Gruppe bzw. der „Chaos-Aspekt“ einer Gruppe und wie sich darin Strukturen ausformen.
Henrik Kairies zeigt mit Synthesen eine in Zusammenarbeit mit den Maulwerkern prozesshaft entstandene Komposition. Die Arbeit daran gliederte sich in 4 Phasen:
Phase 1: Erarbeitung eines individuellen sprachähnlichen Lautmaterials für jeden Ausführenden;
Phase 2: Bearbeitung und Verfremdung des Materials durch elektronische Mittel;
Phase 3: Stimmliche Adaption dieses neuen, künstlichen Ausgangsmaterials;
Phase 4: Konstruktion eines musikalischen Ablaufs, der den Interpreten in der Aufführung Raum für die Verarbeitung der entstandenen Materialgegensätze lässt.
Katarina Rasinski hat für catact 31,14 einen Ausschnitt einer Entschlüsselung eines Genoms in Töne transkribiert. Für jede Stimme hat sie unterschiedliches Material abgeleitet. Diese Tonfloskeln stehen den Interpreten zur Verfügung und werden nach bestimmten Regeln eingesetzt. Rasinskis Anweisungen setzen nicht nur stimmliche, sondern auch gestische Prozesse in Gang. Durch das Arbeiten mit Imagination kommen Wahrnehmungsprozesse der Performer ins Spiel. Zudem entstehen subtile Wechselwirkungen zwischen Interpreten und Publikum.
Emmett Williams, ein Pionier auf dem Gebiet, durch spielähnliche Strukturen Klang und Aktionen, Akustisches und Visuelles miteinander zu verbinden, sagte bei Konzeption des Konzertes zu, für die Maulwerker ein neues Stück zu schreiben, bei dem er auch selbst als Performer mit von der Partie sein sollte. Sein Tod im Februar traf uns alle sehr plötzlich. Wir spielen daher nochmals ABC Singspiel Simultaneity for Die Maulwerker von 2005: Das Stück steht in Verwandtschaft mit Williams’ berühmter Alphabet Symphony von 1963. Wieder ist es die Systematisierung per Zufallsverfahren durch die einfache Struktur des Alphabets, die diesem anarchischen Quodlibet zugrunde liegt und die überraschende Mixturen generiert.
Mit Toshi Ichiyanagis Sapporo von 1962 wird den Uraufführungen ein historisches indeterminiertes Stück gegenübergestellt. Der Cage-Schüler arbeitet hier mit graphischen Symbolen und Spielregeln, die – ähnlich wie bei Christian Wolff – den sozialen Aspekt beleuchten. Die Handzeichen des Dirigenten können befolgt oder nicht befolgt werden. Die wirkungslosen Dirigierbewegungen werden so zuweilen zu gestischer Musik. Einige Anweisungen besagen, anderen Spielern zuzuhören oder sogar zuzusehen, oder in bestimmten Fällen die Partiturseite mit ihnen zu tauschen.
Bill Dietz schließlich reflektiert in after the interval den Rahmen des Konzertes als solches, indem er die kurzen Phasen zwischen den Stücken mitschneidet und einmal vor der Pause und einmal am Ende des Abends gesammelt als Tonbandstück wieder abspielt.