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Antje Vowinckel (*1964)
Call me yesterday
für 5 Stimmen mit Instrumenten, Zuspielband und Zweikanal-Videoprojektion,
2006 (47')
ZKM, Festival Stimme+, 19. Mai 2006 (UA)
TESLA im Podewils'schen Palais Berlin, maulwerker performing music, 6.Oktober
2006
Komposition und Regie: Antje Vowinckel
Bühne und Video: Steffi Weismann
Die Maulwerker: Christian Kesten, Ariane Jessulat, Henrik Kairies, Katarina
Rasinski und Fernanda Farah (Gast), in der Berliner Aufführung mit
Margareth Kammerer (Gast)
Call me yesterday
Text-Klangkomposition aus internationalen Sprachkursen von Antje Vowinckel
Sie sollten uns alle miteinander verbinden, aber das Gegenteil geschah:
alte Sprachkurse auf Vinyl und Cassette bestechen durch ihr didaktisches
Pathos, aber kaum durch Alltagstauglichkeit. Perfekte Sprecher warten
in regelmäßigen Pausen darauf, dass wir ihnen nachsprechen,
aber nach ein paar braven Versuchen, gibt man auf, um schweigend und hochkonzentriert
dem Knistern und Rauschen in den Nachsprechlücken zu lauschen. Währenddessen
weitet sich die leere Pause zum leeren Raum. Sekunden werden zu Lichtjahren.
Die Rillen des Vinyls gleichen Umlaufbahnen weit voneinander entfernter
Planeten. Nette Menschen rufen fröhlich „Hallo!“ ohne
je Antwort zu bekommen. Doch während die Worte ins Leere laufen,
sprechen sie die Sprache der Musik. Eine Musik, die niemand gewollt hatte,
die als Nebenprodukt der Anstrengung enstand, und die gerade deswegen
fasziniert: eigentümliche Satzmelodien, facettenreiches Rauschen,
durchkopierte Sätze, die auf dem Band ein Eigenleben entwickeln,
Verzerrungen und Filterungen und immer wieder „This is..“
(Pressetext zu „Call me yesterday“)
Die Live-Aufführung von „Call me yesterday“,
die Antje Vowinckel ausgehend vom gleichnamigen Hörstück auf
die Bühne übertragen hat, wird mit fünf Live-Stimmen, Instrumenten,
Zuspielband und einer 2-Kanal- Videoprojektion realisiert. Die von Steffi
Weismann entworfene Videoinstallation greift das Bild der rotierenden
Objekte (Vinylplattenteller und Cassettenbandschleife) auf, abstrahiert
es und deutet es um. Zentrales Element sind zwei vertikal rotierende Scheiben,
die auch als Projektionsfläche für die live eingespielten Videos
fungieren. Sie erinnern an Plattenteller oder alte Tonbandgeräte,
können aber auch das repetitive Element der Übungen visualisieren
und andere Elemente in ihren Rhythmus zwingen (z.B: das Geräusch
der Kreide auf der sich drehenden Tafel).
Die Sprecher stehen durch Stellwände isoliert voneinander hinter
Pulten und werden durch Licht für verschiedene Konstellationen sichtbar
bzw. unsichtbar gemacht. Die Trennung der Sprecher steht für die
isolierte Situation in der sich die Lernenden mit den Sprachkursen befinden
und die der Konzentration von Hören und Sprechen dienen soll. Gelegentlich
begeben sich die Sprecher jedoch zu einer halbkreisförmigen Sitzgruppe
im Vordergrund oder führen Übungen an den Drehscheiben durch.
Die übertriebenen Perfektionsansprüche der frühen Sprachlaborkurse
bringen für heutige Ohren nahezu absurde Qualitäten zum Vorschein.
Dabei öffnet sich ein Raum für die Musik. Gleichzeitig werden
aus diesem anderen Betrachtungswinkel aber auch Fragen entstehen, die
sich auf die heutige Problematik im Umgang mit Kommunikationstechnik beziehen.
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